Zum Hintergrund und Motivation des Projektes

Von Prof. Gundula Barsch

Die breite Einführung von Cannabis als Medizin scheitert gegenwärtig auch an den Unsicherheiten und am fehlenden Informationsstand zu den zur Rede stehenden Bezügen sowohl bei den PatientInnen als auch bei den behandelnden ÄrztInnen. Diesem Teil gegenwärtiger sozialer Praxis steht jedoch ein anderer Teil von Lebensrealität gegenüber: Trotz jahrzehntelanger Prohibition ist offenkundig in bestimmten Kreisen der Bevölkerung das Wissen um das Potential von Cannabis als Heilmittel bei der Bewältigung von Krankheiten, als komplementäre Unterstützung einer schulmedizinischen Behandlung und als hilfreicher Rückgriff beim Management von Leidenszuständen (z. B. Sprachstörungen, soziale Kontaktschwierigkeiten, Schlafstörungen) nie vollständig verloren gegangen. Sozialwissenschaftliche Forschungen haben seit den 1990er Jahren immer wieder Belege dafür gefunden, dass PatientInnen und Leidende den Gewinn beim Management ihrer schwierigen Lebenssituation für so hoch eingestuft haben, dass sie für die Beschaffung dieses Hilfsmittels selbst Strafverfolgung, Stigmatisierung in ihrem sozialen Umfeld und unberechenbare Beschaffungsprobleme auf sich nehmen (Barsch/Schmid 2018, Schnelle et al. 1999, Barsch 1996).

Es kann davon ausgegangen werden, dass trotz jahrzehntelanger Prohibition in der Gesellschaft eine sogenannte erfahrungsgeleitete Medizin in Bezug auf die selbstinitiierte Behandlung und/oder Selbstmedikation von Krankheiten und zum Management von Leidenszuständen praktiziert wird (vgl. Brenneisen 2001), durch die sich wertvolles Wissen zur medizinischen Anwendung von Cannabis akkumuliert hat. INDICA nimmt dieses ernst.

Neueste empirische Untersuchungen lassen die Einschätzung zu, dass das Dunkelfeld der Selbstmedikation mit Cannabis auch in Deutschland weit größer ist, als wissenschaftliche und politische Schätzungen angenommen haben (Barsch/Schmid 2018).

Im Dunkelfeld selbstinitiierter Behandlungen und Selbstmedikation wird eher auf Cannabis-Komplexmittel zurückgegriffen, die sich die Betroffenen in unterschiedlichen pharmakologischen Varietäten und diversifizierten Anwendungsformen auf dem Schwarzmarkt beschaffen. Variiert in Menge und Applikation werden diese längst auch in weniger dramatischen Situationen des Leidens und damit nicht nur im Worst-Case/zu palliativen Zwecken eingesetzt und verhelfen zu mehr Lebensqualität. Insofern lassen sich über diesen Erfahrungsschatz offensichtlich Hinweise erschließen, welche Phytocannabinoide sich in welcher Varietät für die Behandlung/das Management von Krankheits- und Leidenszuständen eignen und welche nicht. Längst hat sich offensichtlich ein mühsam gesammeltes Erfahrungswissen entwickelt, das belegt, dass sich das Potential von Cannabis als Medizin nur erschließen lässt, wenn abgestimmt auf die jeweils individuelle Bedürftigkeit der PatientInnen eine passende pharmakologische Varietät eingesetzt werden kann. Die Erfahrungen langjähriger CannabispatientInnen unterstreichen überdeutlich, dass bei falscher Wahl nicht nur keine Effekte eintreten, sondern sogar negative Wirkungen angestoßen werden können (vgl. ebenda).

Insofern kann davon ausgegangen werden, dass in der erfahrungsgeleiteten Medizin bereits ein Vorsprung an informellem Wissen dazu besteht, welche pharmakotypischen Varietäten von Cannabis sich für bestimmte Bedarfslagen eignen und welche eher nicht. Pilotstudien unterstreichen darüber hinaus, dass sich mit Bezug auf diesen Erfahrungshintergrund zudem immer weitere erfolgversprechende Anwendungsfälle mit überraschenden Befunden aufzeigen lassen. Diese werden auf der einen Seite den Bedarf an Cannabiskomplexmitteln in verschiedenen Varietäten zwar erhöhen, sind auf der anderen Seite aber auch geeignet, Aufwendungen im Bereich der Pflege, der medizinischen Versorgung und der medikamentösen Behandlung zu reduzieren (vgl. Barsch, Schmid 2018).

In der Zusammenschau wird die besondere Bedeutung des Beginns der Entwickung einer Forschungsplattform unabweisbar.